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Bitteres Aus für den „Rügener Badejunge“ auf Rügen - Die weithin beliebte Käsesorte von der Insel Rügen soll ab Mitte 2019 zur „Mogelpackung“ und in Thüringen hergestellt werden

Insel Rügen, 29. Juni 2017

Ein Aushängeschild für die Insel Rügen und Traditionsmarke für das Land Mecklenburg-Vorpommern, Deutschlands meistverkaufter Camembert, der seit über 63 Jahren, ab 1953, in Bergen auf Rügen aus Milch von Rügener Kühen hergestellt wird, soll ab dem Jahr 2019 im Werk der Jülich-Gruppe in Lumpzig-Hartha, gelegen zwischen Zeitz, Gera, Altenburg und Meerane, in Thüringen produziert werden. In Thüringen produziert die Jülich Gruppe auch schon andere Käsesorten, zum Beispiel den Altenburger Ziegenkäse.

Die Markenrechte des „Rügener Badejungen“ befinden sich seit 1995 in Besitz der Dortmunder Rotkäppchen Peter Jülich GmbH, die den Käse schon seit 1991 in ihr Vertriebssystem eingebunden haben. Mit der Herstellung wurde die DMK-Group (Deutsches Milchkontor GmbH) aus Zeven / Niedersachsen, eines der größten deutschen Molkereiunternehmen, beauftragt. Im Jahr 2016 hatte das Deutsche Milchkontor die Auftragsproduktion zum Jahresende 2018 gekündigt.

Die 56 Mitarbeiter in Bergen auf Rügen wurden am Nachmittag des 28. Juni 2017 auf einer Betriebsversammlung über die Pläne der Schließung informiert, es löste große Betroffenheit und Entsetzen aus.  Der Aufsichtsrat der Deutsches Milchkontor GmbH muss den Plänen noch abschließend zustimmen.

Als Begründung für die Schließung und den Ortswechsel nach Thüringen werden zu hohe Produktionskosten und nach DMK-Angaben auch jährliche Defizite von zuletzt 2 Millionen Euro im Jahr angegeben und auch eine Modernisierung des Rügener Werkes würde nicht zu wettbewerbsfähigen Produktionskosten führen. Preissteigerungen im Handel seien nicht umsetzbar. Der weitere Grund wäre die Vertragskündigung von Rügener Milcherzeugern mit der DMK im Jahr 2016 und die damit verbundene Reduzierung der Milchmenge, die wiederum auf die zu erzielenden niedrigen Milchpreise bei der DMK-Group zurückzuführen ist.

In die Molkerei in Bergen wurden in letzter Zeit drei Millionen Euro aus dem Landesmittel des Landwirtschaftsministeriums Mecklenburg-Vorpommerns investiert.

Die Beschäftigten des Bergener Herstellungsstandortes bekommen auch im Jahr 27 nach der Wiedervereinigung, wie in allen weiteren Molkereien im Nordosten, einen bis zu zwei EURO niedrigeren Stundenlohn als im durchschnittlichen Entgeldniveau im DMK-Verbund, obwohl die Werke zu den modernsten gehören. Trotzdem entstehen Defizite?

Es wird mittlerweile üblich, ähnlich wie bei der Finanzkrise 2007, dass die Fehler von denen ausgebadet werden müssen, die diese nicht verschuldet haben.

Bei der Finanzkrise wurden Risiken der Privatwirtschaft zu Schulden der Allgemeinheit.

In der Molkerei auf Rügen werden jährlich etwa 50 000 Tonnen Milch zu Butter, Camembert und Molke verarbeitet. Es verließen 2016 rund 3600 Tonnen - 24 Millionen Stück „Rügener Badejunge“ - das Werk, das mit seinem Produkt nicht ohne Grund einer der Marktführer Deutschlands wurde. Der Grund für Defizite müssen demzufolge im Management zu suchen sein.

transRügener Badejungetrans

Im Bergener Produktionsstandort werden 56 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren. Mit ihnen verbunden ist das Schicksal ihrer Familien und der Subunternehmen, zum Beispiel der verbliebenen Bauern, die die Rügener Milch liefern.

Den Mitarbeitern werden nach Aushandlung eines Sozialplans Stellen an anderen Unternehmensstandorten wie Altentreptow, Waren und Dargun angeboten. Diejenigen, die auf der Insel Rügen verwurzelt sind, natürlich auch Wohneigentum haben, deren Angehörige auf Rügen arbeiten, leben, deren Kinder auf Rügen zur Schule gehen oder Mitglieder von Vereinen sind – diejenigen können nicht so einfach den Wohnort wechseln.

Für das sonst erforderliche tägliche Pendeln ist der Weg, mit weit über 150 Kilometern zu diesen Arbeitsorten, zu weit.   

Auf der Insel Rügen sind nahezu keine industriellen Ansiedlungen vorhanden, Arbeitsplätze hauptsächlich nur im Tourismus, sowie im Einzelhandel, in Dienstleistungsunternehmen, im Gesundheitswesen, Handwerksbetrieben und im Kleingewerbe zu finden.

Der Insel gehen mit dem Aus des „echten“ „Rügener Badejungen“ Steuereinnahmen verloren.

Das strukturschwache Mecklenburg-Vorpommern hat in der Vergangenheit schon mehrfach Regionalmarken durch die Verlagerung an andere Standorte verloren.

Die „Peeneland“-Gemüse- Konserven kommen nun aus Bayern, der original Lehment Rostocker Kümmel „Mann un Fru“ wird seit vielen Jahren in Hardenberg / Niedersachsen gebrannt.

Und der neue herzhaft-intensive Rügener von Milram aus der zuvor erwähnten DMK-Group, der durch die schöne Fernsehwerbung beim Verbraucher den Eindruck vermittelt, ein traditioneller Rügener Schnittkäse aus Rügener Milch zu sein, der bei rauem Klima durch stürmische See und so starken Wind, dass fast die Kühe umfallen - in behaglicher Behausung, die sich natürlich direkt an der Küste befindet und von der man einen schönen Blick auf die Rügener Kreidefelsen im Hintergrund hat, ein absoluter Genuss ist - ist zwar zugleich eine gute Werbung für die Insel Rügen, aber eigentlich auf Rügen unbekannt. Wenigstens die verwendete Milch soll laut Werbung auf der Verpackung von Rügen stammen.

Wo Rügen draufsteht, ist da auch Rügen drinn?

Eine weiterhin gute und zudem auch sehr ehrliche Werbung für das Produkt und für Rügen wäre der Erhalt des Herstellungsstandortes des „Rügener Badejungen“!

Zwangsläufig stellt sich die Frage: Ist nach Regeln des Marktes und nach deutschen Recht jegliche Verbrauchertäuschung und Etikettenschwindel unter Missachtung jeglicher Moral erlaubt?

Nach dem Empfinden und in der Wahrnehmung sollte selbst beim Besitz von Markenrechten eine Authentizität gewährleistet sein, vor allem bei ortsbezogenen Bezeichnungen.

Ein Produkt mit dem Namen eines Ortes oder einer Region sollte auch von dort stammen. Eine Herstellung von Produkten andernorts, die bestimmte Herstellungs- oder Zubereitungstechniken erfordern, sollte zumindest die Bezeichnung „nach Art“ führen, zum Beispiel „Rostbratwürste nach Thüringer Art“ – dann ist ein anderer Herstellungsort erkennbar.

Sollte ein anderes Unternehmen auf Rügen die Absicht haben, einen „Rügener Badejungen“ zu produzieren, dann ist die Durchsetzung eines Markenrechts verständlich und das andere Unternehmen sollte sein Produkt anders bezeichnen, zum Beispiel „Rügener Weichkäse“.

Wenn ein Besitzer von Markenrechten unter dem lukrativen, bekannten, ortsbezeichnenden Produktnamen ein Produkt herstellen möchte, dann sollte er es auch dort tun – schließlich erzielt er durch die Nutzung eines bekannten Ortsnamens oder Namen einer Region, in diesem Fall „Rügen“, auch einen wirtschaftlichen Nutzen.

Hat diese Irreführung der Verbraucher in der deutschen Rechtsprechung und Politik im Interesse der Verbraucher und Beschäftigten noch keine Beachtung gefunden?

Muss man befürchten, dass in Zukunft Kieler Sprotten im Allgäu geräuchert werden, Schwarzwälder Schinken aus dem Spreewald kommen, Spreewaldgurken essigsauer in Baden-Württemberg hergestellt werden, die Bayreuther Festspiele nach Schwerin verlegt, das Flensburger Pils in München gebraut, der Moselwein an Saale und Unstrut gekeltert wird, die originale Thüringer Rostbratwurst aus Bremen kommt?

Können Artikel "Made in Germany" auch aus China kommen?

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Das Sortiment des „Rügener Badejunge“ umfasst folgende Sorten zu je 150 Gramm:

Der Sahnige - 60% Fett i.d.Tr.

Der Cremige - 45% Fett i.d.Tr.

Der Leichte - 13% Fett i.d.Tr.

Der feine Bärlauch - 60% Fett i.d.Tr.

Grüner Pfeffer - 60% Fett i.d.Tr.

Saisongenuss:

Wintergenuss - 60% Fett i.d.Tr.

Sommergenuss - 60% Fett i.d.Tr.